Silent wounds: Moralische Herausforderungen der humanitären Arbeit verstehen

Art der Veröffentlichung: 
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Stichworte: 
date: 
10/03/2022
Erscheinungsdatum: 
2022

2020 machte die Covid-19-Pandemie einige der vielen Herausforderungen im humanitären Sektor auch für die breite Öffentlichkeit sichtbar. Auf einmal wurden Todesraten, Engpässe bei der medizinischen Versorgung sowie heikle Entscheidungen in Situationen mit begrenzten Ressourcen weltweit thematisiert und diskutiert. Kaum zur Sprache kam hingegen, dass solche schwierigen Entscheidungen nicht ohne Konsequenzen blieben für diejenigen, die sie fällen und deren direkten Auswirkungen mitansehen mussten.

Gefühle von Unzulänglichkeit, Bedeutungslosigkeit und Frustration drängen sich auf. Sie äussern sich als Symptome von «Moral Distress», von moralischen Wertekonflikten. «Man weiss, was zu tun ist, aber institutionelle, situationsbedingte oder kulturelle Faktoren hindern einen daran, die richtigen Massnahmen zu ergreifen.»1 Im humanitären Kontext tritt «Moral Distress» etwa dann auf, wenn bestimmte Hilfsmittel auf der Welt vorhanden sind – zum Beispiel Medikamente, Impfungen oder eine bestimmte medizinische Technologie – und man darauf, aus welchen Gründen auch immer, im Einsatzgebiet nicht zugreifen kann.

Epidemische Notlagen haben Auswirkungen auf die psychische Gesundheit von humanitären Einsatzkräften. Erstmals stiess dieser Zusammenhang während eines Ebola-Ausbruchs in Uganda im Jahr 2009 bei Ärzte ohne Grenzen (MSF) auf formales Interesse. Im Jahr 2018 wurde die Analyse von moralisch belastenden Erfahrungen zu einem Forschungsschwerpunkt im Einsatzzentrum von Ärzte ohne Grenzen in Genf. Das aktuelle Projekt «Moral Experiences» unterstreicht die Bedeutung moralischer Fragen im humanitären Kontext. Zudem erhalten Mitarbeitende einen Raum, um Erlebnisse und Strategien zur Vermeidung oder Linderung von «Moral Distress» zu thematisieren. Im Kern geht es darum, die moralischen Herausforderungen in der humanitären Arbeit anzuerkennen, nachzuvollziehen und Ressourcen zur Unterstützung der Mitarbeitenden von Ärzte ohne Grenzen zu entwickeln.

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